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Alexandra Busch - Hochschulconsulting
Macht stellt eine konstitutive Größe organisationaler Zusammenhänge dar und ist im Hochschulkontext ubiquitär wirksam. 
Sie manifestiert sich nicht nur in formalen Hierarchien, sondern ebenso in diskursiven Praktiken, sozialen Beziehungen und alltäglichen Interaktionen. 
Die Annahme einer machtfreien Position innerhalb wissenschaftlicher Organisationen ist daher analytisch nicht haltbar und im Alltag nicht praktisch umsetzbar, da jede Form organisationaler Einbindung notwendig in Machtverhältnisse eingebettet ist.

Während klassische Perspektiven Macht häufig als „Macht über“ im Sinne eines Nullsummenspiels begreifen, ermöglichen neuere Ansätze eine differenziertere Betrachtung: Konzepte wie „Macht mit“, „Macht zu“ und „Macht innerhalb“ verweisen auf kooperative, handlungsbefähigende und subjektiv verankerte Dimensionen von Macht und eröffnen damit Gestaltungsspielräume jenseits rein kompetitiver Logiken.

Diese Erweiterung lässt sich theoretisch insbesondere durch die Arbeiten von Michel Foucault und Pierre Bourdieu fundieren.

Macht als relationales und diskursives Phänomen (Foucault)

In der Perspektive Michel Foucaults ist Macht kein Besitz einzelner Akteur*innen, sondern ein relationales Gefüge, das sich in sozialen Praktiken und Diskursen konstituiert. Macht ist demnach produktiv, da sie Wissen hervorbringt, Subjektpositionen formt und soziale Wirklichkeiten strukturiert.

Im Hochschulkontext zeigt sich dies insbesondere in der Produktion und Legitimation von Wissen, in Bewertungspraktiken sowie in der Definition von wissenschaftlicher Exzellenz.

Zugleich ist Macht bei Foucault untrennbar mit Wissen verbunden („Macht/Wissen“): Wer über Deutungshoheit verfügt, bestimmt maßgeblich, was als relevantes Wissen gilt und welche Perspektiven marginalisiert werden.

Hochschulen fungieren somit nicht nur als Orte der Wissensproduktion, sondern auch als Institutionen, in denen Machtverhältnisse stabilisiert und reproduziert werden.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Wirkung von Macht auf Subjektivierungsprozesse: Individuen internalisieren normative Erwartungen und disziplinieren sich selbst im Sinne institutioneller Anforderungen.

Dies zeigt sich insbesondere in akademischen „Aufstiegswegen“ in Form von Anpassungsdruck, Selbstoptimierungs“zwang“ oder dem Schweigen gegenüber problematischen Situationen.

Macht, Kapital und Habitus (Bourdieu)

Pierre Bourdieu erweitert die Analyse von Macht um die Konzepte des sozialen Raums, der Kapitalformen und des Habitus. Hochschulen lassen sich in diesem Sinne als spezifische soziale Felder verstehen, in denen Akteur*innen um unterschiedliche Formen von Kapital konkurrieren:

  • ökonomisches Kapital (z. B. Ressourcen, Drittmittel),
  • kulturelles Kapital (z. B. Bildung, wissenschaftliche Qualifikation),
  • soziales Kapital (z. B. Netzwerke, Beziehungen),
  • symbolisches Kapital (z. B. Reputation, Prestige).

Macht ergibt sich aus der ungleichen Verteilung dieser Kapitalformen sowie aus der Fähigkeit, sie wirksam einzusetzen. Insbesondere symbolisches Kapital spielt im Wissenschaftssystem eine zentrale Rolle, da es über Anerkennung, Sichtbarkeit und Karrierechancen entscheidet.

Der Habitus als verinnerlichte Dispositionsstruktur beeinflusst, wie Akteur*innen sich im Feld bewegen, welche Handlungsmöglichkeiten sie wahrnehmen und wie sie auf Machtverhältnisse reagieren.

Phänomene wie Klassismus oder Zugangsbarrieren lassen sich in dieser Perspektive als Ausdruck ungleicher Habitusformationen verstehen, die bestimmte Gruppen systematisch benachteiligen.

Formen, Dimensionen und Quellen von Macht im Hochschulkontext

Vor dem Hintergrund dieser theoretischen Perspektiven lässt sich Macht im Hochschulsystem als komplexes Zusammenspiel formaler und informeller Strukturen analysieren: Formale Macht ergibt sich aus institutionell legitimierten Positionen und Zuständigkeiten, während informelle Macht insbesondere über Netzwerke, Diskurse und Informationskontrolle wirkt.

Autorität entfaltet sich auch und gerade im Hochschulkontext in personaler, funktionaler und positionaler Form und ist eng mit unterschiedlichen Kapitalformen verknüpft: Wissensasymmetrien, Zugang zu Ressourcen sowie rhetorisch-kommunikative Kompetenzen fungieren als zentrale Machtquellen.

Hochschulen als strukturierte Ungleichheitsräume

Im Sinne Bourdieus sind Hochschulen bis heute als Felder zu verstehen, in denen bestehende soziale Ungleichheiten reproduziert werden.
Empirische Befunde belegen, dass Hochschulen nach wie vor durch in patriarchalen Traditionen fest verwurzelten hierarchische Strukturen geprägt sind, die durch dominante soziale Gruppen reproduziert werden und nach wie vor stark hierarchisch geprägt sind.
Diese Konstellationen begünstigen sowohl Diskriminierung als auch Machtmissbrauch.

Diskriminierung manifestiert sich entlang verschiedener Differenzlinien wie Geschlecht, Herkunft oder sozialem Status. Insbesondere Klassismus kann als Ausdruck ungleicher Kapitalausstattung und unterschiedlicher Habitusformationen interpretiert werden, die den Zugang zu akademischen Feldern strukturieren.

Machtmissbrauch als strukturelles und relationales Phänomen

Machtmissbrauch ist vor diesem Hintergrund nicht ausschließlich als individuelles Fehlverhalten zu verstehen, sondern als Phänomen, das in strukturellen und relationalen Bedingungen verankert ist.

„Machtmissbrauch“ bezeichnet die eigennützige und schädigende Nutzung von Machtpositionen und manifestiert sich in unterschiedlichen Formen, etwa als materielle Benachteiligung, arbeitsbezogener Druck, interpersonale Herabsetzung oder physische bzw. psychische Einschüchterung.

Spezifische Risikokonstellationen und Subjektivierungsdynamiken

Besondere Risiken ergeben sich in Kontexten enger Betreuungsbeziehungen, in denen asymmetrische Machtverhältnisse mit intensiven Interaktionen verbunden sind. Hier wirken sowohl strukturelle Faktoren (z. B. Bewertungshoheit, Karriereabhängigkeit) als auch subjektive Prozesse (z. B. Internalisierung von Erwartungen, Anpassungsdruck).

Das häufige Schweigen von Betroffenen kann aus foucaultscher Perspektive als Effekt disziplinierender Macht verstanden werden, während Bourdieu auf habituelle Dispositionen und wahrgenommene Handlungsspielräume verweisen würde.

Prävention, Reflexivität und organisationale Verantwortung

Die Prävention von Machtmissbrauch erfordert sowohl strukturelle Interventionen als auch eine Reflexion der zugrunde liegenden Macht- und Wissensordnungen. Transparente Verfahren, klare Rollen und partizipative Strukturen können dazu beitragen, Machtasymmetrien zu reduzieren.

Zugleich ist eine kritische Auseinandersetzung mit impliziten Normen, Diskursen und Bewertungsmaßstäben notwendig, um die Reproduktion von Ungleichheiten zu hinterfragen. In diesem Sinne wird organisationale Reflexivität zu einer zentralen Voraussetzung für nachhaltige Veränderungsprozesse.

Fazit

Macht im Hochschulkontext ist als relationales, diskursives und feldspezifisches Phänomen zu verstehen. Die theoretischen Perspektiven von Foucault und Bourdieu ermöglichen es, Macht über individuelle Handlungsebenen hinaus als strukturell eingebettete und sozial reproduzierte Größe zu analysieren.

Eine verantwortungsvolle Gestaltung von Macht erfordert daher nicht nur individuelles Reflexionsvermögen, sondern auch institutionelle Veränderungen, die Transparenz, Teilhabe und Gerechtigkeit fördern. Nur so kann Macht als produktive Ressource genutzt und Machtmissbrauch wirksam begrenzt werden.

Alexandra Busch konzipiert und leitet seit vielen Jahren Workshops zum Thema „Konstruktiver Umgang mit Macht im Hochschulkontext“ und „Aktive Prävention von Machtmissbrauch im Hochschulkontext„, 2026 u.a. für

  • Hochschule für Musik Mainz
  • Universität Kassel
  • Kunsthochschule Kassel
  • Universität Bielefeld
  • Berlin Leadership Academy
  • Universität Duisburg-Essen

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